Kategorie: Buch

Buch-Rezensionen mit einer 5-Punkte-Wertung.

  • BOOK_REVIEW: Terra Perdita

    BOOK_REVIEW: Terra Perdita

    Ich mag Debütromane. Die sind zwar oft noch etwas holprig, bergen aber immer wieder frische Ideen oder haben unverbrauchte Perspektiven. Leider trifft das auf Terra Perdita von Nick Palmer nicht so richtig zu. Trotzdem ist das Buch einen Blick wert, wenn man bereit ist, ein paar Abstriche zu machen.

    Genauer gesagt: zwei Kröten muss man schlucken, um mit dem durchaus gelungenen Plot Spaß haben zu können. Die erste Kröte – und meinem Empfinden nach die dickste – ist die unklare Struktur der Geschichte. Vielleicht liegt es an mir (dann bitte Feedback!), aber ich habe mich in der Geschichte ständig sowohl zeitlich als auch örtlich verlaufen. Mit jedem Kapitel wirft uns der Autor ins kalte Wasser, weil er direkt in das szenische Erzählen einsteigt. Namen werden benutzt, als wären das alles längst wohl bekannte Figuren. Das gleiche gilt für Orte und Technologien. Das kann man als Stilmittel zwar verwenden, hier geschieht mir das aber deutlich zu oft. Und kaum habe ich mich in die Szene eingelesen, beginnt das Spiel mit einem neuen Kapitel von neuem. Da helfen auch nicht die Kapitelunterschriften, die mal den Ort, mal eine wirre Zeitangabe, mal beides (wie „Raumarche GENESIS EUROPA, RAZ 520, Schiffszyklus 27 VZ II“) und mal auch nichts davon beinhalten. Eine Struktur ist da für mich nicht zu erkennen. In Kombination mit dem direkten Szeneneinstieg habe ich mich die ganze Geschichte über nicht zurecht gefunden. Folglich war ich auch mehr damit beschäftigt mich zu orientieren, als den Plot genießen zu können.

    Und das ist Schade, denn den finde ich durchaus gelungen. Ignorieren wir mal die ersten paar Seiten (dazu später mehr), hat mich allein der Prolog schon gepackt. Szenarien, die ein Ende der Welt beschreiben, sind immer eine gute Wahl. Vor allem wenn sie, wie in Terra Perdita, nicht mal das Hauptthema der Geschichte, sondern nur der Ausgangspunkt sind. Und wenn sie mal nicht so was lahmes wie einen Asteroiden-Einschlag behandelt, sondern etwas wissenschaftlich Interessanteres – sorry 2024 YR4.

    Und ich will nicht zu viel vorwegnehmen, deshalb nur ganz vage: auch was Nick Palmer (übrigens ein Pseudonym, wie ich bei einem gebürtigen Mönchengladbacher annehme) nach dem Prolog mit dem Ziel und Gesellschaftsstruktur der Weltraum-Arche anstellt, hat mir gut gefallen. Da gibt es noch einige Fäden, von denen ich gespannt bin, wie sie im nächsten Teil von ihm weitergesponnen werden. Denn das Buch ist als „Terra-Reihe“ geplant. Allerdings ist der Verlagswebsite recht eindeutig zu vernehmen, dass eine Fortführung der Reihe wohl von den Verkaufszahlen von Terra Perdita abhängt.

    „„Terra Perdita“ ist sein erster SF-Roman, und – das entscheidet ihr, liebe Leser:innen, hoffentlich – nicht sein letzter.“ – Piper Verlag

    Bei einem zweiten Teil wäre ich wegen des Plots also durchaus dabei! Auch wenn Palmer das Rad an keiner Stelle neu erfindet, sorgen seine gut gestreuten Hinweise, die neugierig auf mehr machen, und sein eingängiger Schreibstil dafür, dass man trotz der Eingangs erwähnten Unübersichtlichkeit – die ich aber mehr dem Lektorat statt dem Debüt-Autoren anlaste – dran bleibt. Allerdings hoffe ich inständig, dass Palmer sich im zweiten Teil bei einer Sache etwas zurücknehmen kann, womit wir bei der zweiten Kröte wären.

    Das Buch ist leider ein negatives Paradebeispiel für den „male gaze“, also „die Darstellung von Frauen aus einer männlichen, heterosexuellen Perspektive“ (Wikipedia). Die Figuren, egal ob Mann oder Frau, sind zwar alle nicht die komplexesten, aber so ziemlich jede Frau, die in der Geschichte vorkommt, will früher oder später Sex mit einem (oder mehreren) Männern haben oder hat ihn auch. Es gibt keine kollegiale, freundschaftliche oder sonstige Beziehung, ohne dass nicht zumindest einzelne Gedanken dafür sorgen, dass klar ist: die Männer sind einfach so krass tolle Typen, dass Frauen gar nicht anders können, als mit ihnen schlafen zu wollen.

    Ich hatte ja schon eine böse Vorahnung, als ich mit dem Buch anfing. Denn wenn es bereits auf Seite 2 heißt: „Sie hatte den Ex-Marine kurz nach ihrer Scheidung in einer Bar kennengelernt und ihn gegen den Rat ihrer besten Freundin mit nach Hause genommen, damit er ihr den Schmerz wegvögelte, den sie empfand, seit sie ihren Ex-Mann mit ihrer besten Freundin erwischt hatte. Es war so ein Klischee, aber es tat trotzdem weh. Und man sagte, Sex würde das nicht lindern, das ginge nicht. Sie musterte seinen muskulösen Rücken mit den Tätowierungen. ‚Und wie das geht‘, dachte sie.“.

    Nix gegen gut geschriebenen Sex in Büchern! Aber hier erfüllt weder die vulgäre Sprache noch der Sex irgendeinen Zweck in der Geschichte. Und dass sich später die Frauen mit lüsternen Blicken fast anbiedernd gedanklich oder tatsächlich um männliche Hälse werfen, erfüllt auch so gut wie nie einen Zweck. Es treibt weder die Geschichte voran, noch verleiht es den Charakteren irgendeine Tiefe – im Gegenteil. Auch hier hätte meiner Meinung nach das Lektorat ein bisschen mehr intervenieren dürfen.

    Wen das aber nicht stört – oder es sogar gut findet-, der/die muss eigentlich nur mit der unübersichtlichen Struktur der Geschichte zurecht kommen, um ein durchaus unterhaltsames SciFi-Erstlingswerk genießen zu können, das gerade in Hinblick auf den Plot gute Ideen zu bieten hat.

  • BOOK_REVIEW: Cold Eternity

    BOOK_REVIEW: Cold Eternity

    Circa 200 Jahre in der Zukunft: ein riesiges Schiff schwebt durch das Weltall, vollgepackt mit Kryotanks, in denen Gutbetuchte darauf warten, dass sich die Technologie während der Zeit ihres Kälteschlafs so weit entwickelt hat, um dem Tod von der Schippe springen zu können. Doch so ein großes, altes Raumschiff, vollgepackt mit Technik, muss regelmäßig gewartet werden und auch der Zustand der „Bewohner“ bedarf stetiger Kontrolle. Und so ist Katarina froh, als Schiffstechniker Karl ihr den Job anbietet, auf der Elysian Fields nach dem Rechten zu sehen. Nicht nur des Geldes wegen, sondern muss sie auch aus politischen und privaten Gründen eine Weile untertauchen. Da kommt ein jahrhunderte altes Raumschiff, das kaum noch jemand auf dem Radar hat, genau richtig. Doch nach und nach, häufen sich die Seltsamkeiten auf dem Schiff und sie merkt, dass auf der Elysian Fields eigentlich nichts so ist, wie es sein sollte.

    Die US-amerikanische Autorin S.A. Barnes (ein Pseudonym für ihre Sci-Fi-Bücher, ansonsten schreibt sie hauptsächlich unter dem Namen Stacey Kade) ist bei Freund:innen der Science-Fiction vor allem für ihr Weltraum-Horror-Werk Dead Silence bekannt, das 2022 erschien. Nach Ghost Station (2024) ist nur ein Jahr später nun Cold Eternity erschienen. Das ist eine ordentliche Schlagzahl, die bei mir leise die Alarmglocken schrillen lässt: hat sie nach so kurzer Zeit überhaupt noch etwas Interessantes zu erzählen? Es stellt sich raus, sie hat. Mit Cold Eternity erfindet Barnes zwar das Rad nicht neu. Aber sie kann auch für Vielleser des Weltraum-Horror-Genres genug neue Akzente setzen, damit es zu keiner Zeit langweilig wird.

    Dass etwas auf dem Raumschiff nicht stimmt, ahnen wir schnell. Nur was es ist, bleibt lange rätselhaft. Erst nach und nach entblättert S.A. Barnes ihre Geschichte. Besonders hervorzuheben ist dabei das Pacing. Die Spannung wird langsam aufgebaut, ohne dass es träge wird. Gelegentliche Cliffhanger am Ende eines Kapitels motivieren zum Weiterlesen. Und im letzten Drittel der Geschichte nimmt das Tempo passend zur Bedrohungslage merklich zu. Das alles ist handwerklich sehr gut umgesetzt und wirkt wie aus einem Guss. Weniger smooth erschien mir jedoch die deutsche Übersetzung. Bei zwei, drei Sätzen bin ich stilistisch gestolpert, ein anderer hat inhaltlich (es ging um Namen und wer, was gemacht hat) keinen Sinn ergeben. Da ich aber keinen direkten Vergleich mit der Originalversion angestellt habe, gilt diese Kritik unter Vorbehalt. Wo ich allerdings einen direkten Vergleich habe, ist beim Cover. Also lieber Heyne-Verlag: wieso nicht mal was Passendes zur Geschichte, das sich vom restlichen Sci-Fi-Einheitsbrei abhebt, so wie das Cover der Originalversion?

    Links das Cover der deutschen Ausgabe (Quelle: amazon.de), rechts das Cover der englischen Ausgabe (Quelle: staceykade.com)

    Und wo ich gerade eh schon bei der Kritik bin: ebenfalls gestört hat mich die sanfte Romanze zwischen einer KI bzw. einem Holocron und der Protagonistin. Auch wenn ich finde, dass der Ursprung der Gefühle von Katarina gut nachvollziehbar ist, war mir das am Ende doch ein bisschen zu viel des Guten. Zwar wird in der Geschichte trotz aller Toughness immer wieder auch die verletzliche, unsichere und emotionale Seite von Katarina gezeigt. Am Ende hat sich die „Liebelei“ für mich aber zu sehr nach Brechstange angefühlt, als wollte S.A. Barnes auch dem/der letzten, unaufmerksamsten Leser:in klar machen, dass es hier eine, wenn auch nur sehr einseitige, Liebesbeziehung gibt. Ein, zwei dieser Szenen weniger, hätten sich für mich auch besser in den Rest der Geschichte gefügt.

    Ansonsten habe ich am Plot, den Charakteren und deren Entwicklung aber wenig auszusetzen. Im Gegenteil. Gerade Katarina handelt so unglaublich nachvollziehbar, dass es eine Freude ist. Immer wenn ich dachte „Wieso macht sie jetzt nicht das?“ oder „Wieso denkt sich nicht an jenes?“ hat S.A. Barnes eine Antwort parat. Und meine Güte … das fehlt mir so schmerzlich in so vielen Büchern (und Filmen und Spielen), dass sich Geschichten, die sich selbst und ihre Charaktere ernst nehmen, anfühlen wie ein Erholungsurlaub. Und besonders gut zur Geltung kommt derlei Nachvollziehbarkeit, wenn wie in Cold Eternity aus der Ich-Perspektive erzählt wird. Chapeau!

    Ich freue mich jedenfalls schon auf das nächste Buch von S.A. Barnes. Auf meinen nächsten, nervenaufreibenden Erholungsurlaub im Vakuum. Und wenn sie so weitermacht wie bisher, dürfte das ja – glücklicherweise – nicht so lange auf sich warten lassen.

  • BOOK_REVIEW: Die letzte Geschichte der Welt

    BOOK_REVIEW: Die letzte Geschichte der Welt

    Robin Sloan war mir kein Begriff. Beim Durchblättern der Neuerscheinungen für das Frühjahr 2025 bin ich dann auf Die letzte Geschichte der Welt gestoßen. Eine Mischung aus Fantasy und Sci-Fi? Ein Must-Have! Denn obwohl diese beiden wunderbaren Genre der Phantastik einiges gemeinsam haben, gibt es selten Werke, die beides miteinander verbinden. Ich war allerdings ein bisschen verzagt, weil die Veröffentlichung der deutschen Version zu diesem Zeitpunkt noch einige Monate in der Zukunft lag. Also besorgte ich mich Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra vom gleichen Autor. Denn wer sich eine Heldenreise mit Drachen, Schwerten, Raumschiffen und Robotern ausdenkt, der hat doch sicher noch mehr Pfeile im Köcher? Es stellte sich heraus: er hat! Denn Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra ist eine unterhaltsame, mysteriöse Rätselreise, die keine Scheu davor hat die Grenzen der Realität leicht zu verwischen.

    Und wie ich durch Die letzte Geschichte der Welt feststellen musste, ist genau das die Stärke von Sloan. Denn auch hier werden Grenzen verwischt und verschoben. Neben der offensichtlichen Grenzüberschreitung zwischen Fantasy und Sci-Fi, schert sich Sloan zum Beispiel nicht darum, was seine Leser:innen denken. Hier wird kein ausgetretener Pfad benutzt, sondern der Weg verlassen. Er erzählt seine Geschichte und ignoriert dabei wohltuend alle Schubladen aus der Hölle der Vertriebstauglichkeit. Hier sitzt kein Autor an den Tasten, der eine Zielgruppe bediedenen will oder gar den Massengeschmack. Nein, hier sitzt ein Autor, der eine fantastische Geschichte erzählen möchte und bei dem jedem Kapitel anzumerken ist, wie die Ideen aus ihm herausgesprudelt sind. Und ja, das mag ungewohnt und hin und wieder herausfordernd sein (wer oder was sind jetzt diese Drachen?), aber es ist großartig. Denn seichte Literatur, insbesondere im Fantasy-Bereich, die nicht mehr als eine Ebene kennt und von gewissen Preisträgern kürzlich als „Drachenscheiße“ bezeichnet wurde, gibt es gerade in den letzten Jahren nun wahrlich genug. Trotzdem ist das hier ist kein Roman, der für’s Feuilleton taugt oder den sich besagter Preisträger ins Regal stellen würde. Aber er ist eben auch mehr, als die Drachenausscheidungen, die in den letzten Jahren den Markt fluten. Die letzte Geschichte der Welt sticht ja schon allein dadurch aus dieser Masser heraus, weil auf den über 450 Seiten keine Liebesgeschichte Platz hat. Und dadurch, dass sie keinen Farbschnitt hat – aber das ist ein Thema für einen eigenen Beitrag …

    Wer komplexe Charaktere, mit einer großen Entwicklung über die Geschichte hinweg braucht, um mit einem Buch Spaß zu haben, wird hier eher nicht auf seine Kosten kommen. Die Charaktere sind zwar ausgefallen bis skurril, aber nicht vielschichtig. Doch alle haben ihren Platz in der Geschichte und treiben sie auf die ein oder andere Art voran. Und da ich ein großer Freund von story-driven-Romanen bin und sich für mich persönlich viele Autor:innen viel zu oft in langweiligen Charakterbeschreibungen verlieren, trifft Sloan mit diesem Buch meinen Geschmack ziemlich gut.

    Fazit: Es ist ein irgendwie verträumtes Buch, mit einer innovativen Erzählperspektive, bei der sich der Ich-Erzähler als Mini-Subjekt im Körper des Hauptcharakters befindet. Es hat ein tolles und unverbrauchtes Setting und eine interessante und mehrschichten Geschichte, von der bestimmte Aspekte auch als Metapher für andere Dinge (z.B. KI oder Computer-Spiele) verstanden werden können – und so auch Interpretationsspiel lassen ohne je beliebig zu werden. Die letzte Geschichte der Welt fühlt sich einfach wohltuend frisch an. Bitte mehr davon!

  • BOOK_REVIEW: Cixin Liu – Der Blick von den Sternen

    BOOK_REVIEW: Cixin Liu – Der Blick von den Sternen

    Kurzgeschichten werden von den Verlagen viel zu oft ignoriert. Umso schöner, dass Heyne mit Der Blick von den Sternen nicht nur welche veröffentlicht, sondern sogar einen Schritt weiter geht. Neben den Erzählungen finden sich in dieser Sammlung nämlich auch Zeitschriften-Beiträge des Autors und am Ende sogar ein Interview, was doch eher ungewöhnlich ist. Schade nur, dass trotz dieser Bandbreite inhaltlich nicht allzu viel dabei herumkommt.

    Es ist natürlich schwer, einem Verlag in einer kapitalistischen Gesellschaft vorzuwerfen, den Fokus auf verkäufliche Ware zu legen. Aber gerade in einer Branche, die auch einen kulturellen Anspruch und wenn man so will, einen gesellschaftlichen Auftrag hat – und dafür zumindest hierzulande durch die Buchpreisbindung auch marktwirtschaftliche Unterstützung von außen erhält – darf man die Latte ruhig etwas höher legen. Und tut man das, muss man feststellen: Der Blick von den Sternen schafft es nicht, sie zu überspringen.

    Die meisten Texte dieses Bandes sind dafür zu belanglos. Und zwar so belanglos, dass ich mir eine Übersetzung ins Deutsche und die Veröffentlichung nur damit erklären kann, dass sie eben von Cixin Liu stammen, der es durch die Netflix-Verfilmung seiner Trisolaris-Trilogie auch in unseren Breitengraden zu einem gewissen Bekanntheitsgrad gebracht hat. Warum Heyne nun aber ausgerechnet diese Texte und dabei insbesondere diese Kurzgeschichten von Cixin Liu ausgewählt und für veröffentlichungswürdig erachtet hat, würde mich doch interessieren.

    Fangen wir mit den Kurzgeschichten an. In vielen davon, hat Liu nicht wirklich etwas zu erzählen. Und zumindest hier darf man den Autor definitiv dafür loben, dass er es bei einer Kurzgeschichte belassen hat. Viele andere Autor:innen versuchen ja aus allem Stoff krampfhaft x-seitige Romane zu machen. Wie das mit der Idee, einen Wal fernsteuern zu können („Walgesang“), geendet hätte, mag ich mir gar nicht vorstellen. Denn allein die 19 Seiten, auf die Liu diese Idee streckt, haben bis auf die Kernidee sonst eigentlich nichts zu bieten.

    Auch „Der Bote“ hat wenig Fleisch am Knochen und arbeitet einzig und allein auf einen Twist im letzten Satz hin, der aber nicht wirklich zünden will – was bei guten zehn Seiten aber verschmerzbar ist. Eine der längeren Erzählungen („Schmetterling“) hat hingegen durchaus eine interessante Prämisse. Der Protagonist will mit einem Supercomputer quasi die Weltformel entschlüsseln und so sich, seine Familie und sein Land vor einem Krieg schützen. Ganz ohne Schwächen und Albernheiten, wie wiederkehrenden, über eine Seite langen Non-Sense von Operationsbefehlen wie:

    Alle in den Operationsbefehlen 1351 und 1357 befohlenen B3-Angriffe³ auf die Zielgruppen GH56, IIT773, NT44112, BBH091145, LO88, 1123RRT und 691HJ (indiziert unter TAG471 der Zieldatenbank) werden hiermit widerrufen.

    kommt aber auch diese Erzählung nicht aus. Und auch die Geschichte „Glaubensbekenntnis“ hat mehr etwas von einem pseudo-philosophischen Erklärbär, als von einer tiefen Liebenserklärung an Wissenschaft und Physik, was wohl die eigentliche, durchaus schöne Intention der Geschichte ist.

    Und so geht es dahin. Der Unterhaltungswert und die Qualität der Kurzgeschichten schwankt also enorm, kommt aber leider nie über ein Mittelmaß hinaus. Und da frage ich mich als Leser schon, was der Verlag in diesen Erzählungen sieht, um sie in einem Sammelband auf den Markt zu bringen.

    Das hier soll aber auch nicht als Verriss verstanden werden, denn Der Blick von den Sternen besteht nun glücklicherweise eben nicht nur aus belanglosen und mittelmäßigen Kurzgeschichten, sondern auch aus Zeitschriftenbeiträgen von Liu. Deren Relevanz sollte man, was den Erkenntnisgewinn für das Genre der Science-Fiction betrifft, zwar auch nicht überschätzen und bei einigen, wenn nicht vielen Positionen, mag man Cixin Liu vehement widersprechen. Zum Beispiel beim Thema Erderwärmung, wo Liu in einem Artikel aus dem Jahr 2011 scheinbar offen fragt, ob diese wirklich existiert und überhaupt im Zusammenhang mit menschlicher Aktivität steht, nur um die Frage gleich selbst zu beantworten: „Obwohl es allseits propagiert und tausendfach wiederholt wird, hat die Wissenschaft auf diese beiden Schlüsselfragen gegenwärtig noch keine abschließende Antwort.“ Was so eben einfach nicht stimmt.

    Nichtsdestotrotz spürt man in nahezu jedem Beitrag und ja, auch in seinen Kurzgeschichten, seine Liebe zur Science-Fiction und seine Fasziniation für das Universum und den Platz des Menschen darin. Und wenn er davon schreibt, dass die Menschheit schon mal weiter war, Chancen verpasst hat, ein Zeitalter der Raumfahrt einzuläuten und es vergessen hat, zu träumen, möchte man ihn am liebsten tröstend in den Arm nehmen und sagen: du hast Recht!

    „Die Raumflüge vor Apollo 17 waren der Versuch des Menschen, seine Wiege hinter sich zu lassen. Die danach hatten zum Ziel, sich das Leben in der Wiege bequemer zu machen. Der Weltraum wurde Teil der ökonomischen Sphäre, wo der Output höher sein muss als der Input. Pionierhafte Aufbruchstimmung wurde ersetzt durch geschäftsmännische Zurückhaltung. Man brach dem Menschen die Flügel, die ihm geistig gewachsen waren.“

    Eine oder einhundertausend Erden, 2011

    Und so bleibt trotz all der hier genannten Kritik doch etwas übrig, das Der Blick von den Sternen lesenwert macht. Nämlich das Schaffen eines Gleichgesinnten zu lesen, von dem einen vielleicht in vielerlei Hinsicht Welten trennen, aber das einen gerade deswegen, um neue Perspektiven bereichert.

  • BOOK_REVIEW: Nils Westerboer – Lyneham

    BOOK_REVIEW: Nils Westerboer – Lyneham

    Es braucht drei Dinge für einen gute Sciene-Fiction Roman: eine glaubwürdige Charakterentwicklung, ein ausgefeiltes World-Building und einen spannenden Plot. Mit Lyneham hat der 2023 mit dem Deutschen Sciene-Fiction Preis gewürdigte Autor Nils Westerboer alle drei Kriterien mehr als erfüllt und gehört damit für mich schon jetzt zu den Favoriten für das beste SF-Buch des Jahres.

    Allein mit der Wahl des Hauptcharakters und der Erzählperspektive, hebt sich das Buch von anderen ab. Wir verfolgen vor allem Henry Mildred, einem Zwölfjährigen, aus der Ich-Perspektive. Aber eben nicht nur. Denn Henry ist nahezu nie allein, sondern immer von seiner engsten Familie (Vater, kleine Schwester, großer Bruder) und später auch von gleichaltrigen Freunden und Erwachsenen umgeben. So ergibt sich quasi automatisch, dass wir nicht nur viel über Henry erfahren, sondern auch über sein soziales Umfeld. Und menschliche Emotionen hören auch auf einem weit entfernten Mond nicht plötzlich auf zu existieren. Und so spinnt sich ein wunderbar realistisches Gefüge aus Freude, Konflikt, Liebe, Angst und vielen Schichten menschlicher Empfindungen mehr, einfach nur dadurch, dass Nils Westerboer genug Menschen genug Raum in seinem Buch gegeben hat. Und das ohne, dass man als Leser:in jemals die Übersicht verliert oder Handlungsmuster nicht nachvollziehen kann. Selbst ein zweiter Erzählstrang, diesmal aus Sicht von Henrys Mutter, fügt dem sozialen Gefüge viele Facetten hinzu, ohne jemals abgedreht zu wirken. Das mit so wenigen Handgriffen, wie besagter Erzählperspektive und der Anordnung des Sozialsgefüges, hinzubekommen, ist großartiges Schreibhandwerk!

    Und auch wenn das bis hier her so klingt, als wäre Leynham eines der Bücher, die man gerne als „character driven“ bezeichnet, ist das nicht der Fall. Denn wie Eingangs erwähnt gibt es ja noch zwei weitere Ebenen zu beackern, die bei auf Charakterentwicklung fixierten Büchern gerne mal zu kurz kommen: die Erschaffung einer glaubhaften Welt und die Erzählung einer spannenden Geschichte.

    Und Letzeres ist es dann auch, die mich hat immer weiter lesen lassen. Denn die fremde Welt (ein Mond Namens Perm), auf der die Menschen in Lyneham landen, nachdem die Erde unbewohnbar geworden ist, bietet viele Geheimnisse, die nicht nur Familie Mildred, sondern auch wir Leser:innen unbedingt lüften möchten. Doch die Hürden sind dabei groß, denn Perm ist derart fremdartig, dass man sich erst richtig daran gewöhnen muss, seine irdische Perspektive abzulegen und in neuen Kategorien zu denken. Und wie wunderbar parallel diese Erkenntnis sowohl wir Leser:innen als auch die Charaktere im Buch erlangen, habe ich so noch selten erlebt. Das hat fast schon was Symbiotisches.

    Die Annahme, dass die Unsichtbarkeit der Perm-Tiere sie vor einem furchtbaren Feind, einem Spitzenpredator schützt, der sie in wiederkehrenden Abständen heimsucht, verrät nur etwas über uns, über den Ort, von dem wir kommen. Aber es verrät nichts über Perm.

    Doch nicht alles, was einen Lyneham nicht aus der Hand legen lässt, hat mir der fremden Welt zu tun. Auch irdische Probleme und Konflikte haben den weiten Weg von der Erde nach Perm gefunden. Denn nicht alle Charaktere haben stets das Allgemeinwohl im Sinn – oder doch? In jedem Fall bieten viele Entscheidungen von unterschiedlichsten Charakteren einigen Stoff, über den man auch nach der Lektüre noch nachdenken kann und nicht nur einmal habe ich mir die Frage gestellt: wie hätte ich mich entschieden? Das betrifft Erziehungsfragen von Vater und Mutter Mildred genau so wie große gesellschaftliche Herausforderungen auf Perm.

    Und wo wir gerade von Perm sprechen: dieser Mond ist der eigentliche Star des Buches. Mit welcher Akribie Nils Westerboer hier eine interessante, neue Welt geschaffen hat, ist schlicht beeindruckend. Das empfand ich schon beim Lesen so. Aber als ich kurz darauf einen Blick auf die Website des Autors warf, auf der er uns einen Einblick in seinen leidenschaftlichen Schaffungsprozess gewährt, bin ich über das Ergebnis nicht mehr überrascht. Meine Empfehlung: erst das Buch lesen und dann die Website anschauen. Man erkennt so viele Details und Stufen des kreativen Schaffungsprozesses wieder, dass es einfach eine Freude ist.

    Wegen der detailreichen Darstellung Perms in Lyneham empfehle ich übrigens insbesondere die gedruckte Ausgabe des Buches. Nicht nur, dass sie ein schönes, glänzendes Cover hat, sondern sind die in der Klappbroschur eindruckten Karten enorm hilfreich, um bei Geschichte auch geografisch die Übersicht zu bewahren. Denn sich die Namen der vielen Täler, Berge, Kämme, Meere, Spitzen usw. merken und miteinander in Beziehung setzen zu können, viel mehr mit der E-Book-Variante doch etwas schwer. Hier gibt es zwar auch die Karten, die sind technisch bedingt aber nicht so schnell griffbereit wie bei der Print-Ausgabe.

    Aber ob nun Print oder E-Book: mit einem Kauf von Lyneham macht ihr, insbesondere als Hard-SF-Fans, keinesfalls etwas verkehrt!

  • BOOK_REVIEW: James Corey – Die Gnade der Götter – The Captive’s War

    BOOK_REVIEW: James Corey – Die Gnade der Götter – The Captive’s War

    Die Gnade der Götter – The Captive’s War (engl. original: The Mercy of Gods) ist der erste Teil einer neuen Buch-Serie von James Corey, dem Pseudonym hinter dem die beiden Autoren Daniel James Abraham und Ty Corey Franck stecken, die bereits mit der erfolgreichen The Expanse-Reihe gezeigt haben, dass sie SciFi-Welten erschaffen können. Und auch Die Gnade der Götter legt den Grundstein für ein weiteres, umfangreiches Universum, das großes Potential hat, jede Menge spannender Geschichten zu erzählen.

    Allein die Prämisse, hebt das Buch von vielen anderen SciFi-Stories ab. Denn während es Konflikte und Kriege zwischen der Menschheit und Aliens in der Literatur so viele gibt, wie Sandkörner am Meeresstrand, ist die Anzahl der Geschichten, wo die Menschheit den Außerirdischen derart unterlegen ist, wie es in Die Gnade der Götter der Fall ist, doch deutlich überschaubarer. Am ehesten kommt einem hier vielleicht noch Der Krieg der Welten von H.G. Wells in den Sinn, aber selbst hier ist es so, dass schon relativ bald, die Menschheit – wenn auch nur durch Zufall – die Oberhand gewinnt. Das passiert in Die Gnade der Götter zu keinem Zeitpunkt der Geschichte. Und diese absolute Unterlegenheit der Menschheit, macht viel vom Reiz des Buches aus.

    Denn diese Unterlegenheit bietet den Autoren die Gelegenheit, die verschiedensten Facetten der menschlichen Psyche oder auch der Menschheit als Spezies zu zeichnen. Von Resignation zum Oppurtunismus bis hin zur Selbstaufgabe und Kampfeslust, jeder Charakter entwickelt sich im Laufe des Buches in eine etwas andere Richtung und muss trotzdem in der Gruppe der Menschen funktionieren, denn – und das ist eine zweite interessante Prämisse der Geschichte – wenn die Menschen nicht funktionieren und für die neuen Herren, eine Alienspezies Namens Carryx, nicht von Nutzen sind, steht die Ausrottung der gesamten Menschheit bevor.

    Neben diesen ungewöhnlichen und deshalb interessanten Aspekten der Geschichte, haben die Autoren aber noch etwas weiteres geschafft, das gerade in der SciFi-Literatur extrem schwer ist: glaubwürdige, außerirdische Spezies zu erschaffen, die anders genug sind, um eindeutig nicht von der Erde zu stammen, aber andererseits nicht so abstrakt konstruiert sind, dass den Leser:innen jegliche Anknüpfungspunkte zum Verständis jener Spezies fehlen würden. Das ist insbesondere deshalb bemerkenswert, weil mit den Carryx nicht nur eine Spezies zu beschreiben ist, sondern die Vorgehensweise der Carryx eben gerade das Domeniszieren anderer Spezies als Kernelement ihrer Zivilisation hat. Sprich: wer in das Herrschaftsreich der Carryx integriert wird, trifft auf zig andere Spezies, die auch alle ihre Nützlichkeit beweisen müssen und die von den Autoren ebenfalls beschrieben werden müssen, um für die Leser:innen greifbar zu ein, ohne allzu irdisch zu wirken. All das gelingt James Corey vollumfänglich.

    Wer mit so vielen unterschiedlichen Charakteren und Spezies jongliert, hat es schwer, das alles in einem Guss auf’s Papier zu bringen. Insbesondere, wenn man zu zweit an so einem Manuskript arbeitet. Und das ist auch einer der Kritikpunkte, die ich an dem Buch habe. Durch häufigen Perspektivwechsel zwischen den verschiedenen Menschencharakteren, aber auch verschiedenen Alien-Spezies, mag sich oft kein richtiger Lesefluss einstellen. Insbesondere zu Beginn des Buches, wenn wir Leser:innen noch nicht wissen um was es überhaupt geht und trotzdem aus einer Rückschau eines Carryx erzählt wird oder plötzlich aus dem inneren eines Menschen (oder eben nicht Menschen) die Welt erklärt wird, ist das bisweilen sehr verwirrend. Sobald man aber verstanden hat, wie das Buch konzepiert ist und wer oder was ein Hüter-Bibliothekar oder „der Schwarm“ ist, geht das Lesen deutlich leichter von der Hand. Trotzdem sei an dieser Stelle erwähnt, dass ich das englische Original aus oben genannten Gründen nur empfehlen würde, wer Englisch wirklich quasi auf Muttersprache-Niveau beherrscht. Sonst könnte das Verständnis und der Lesefluss weiter leiden, als er es ohnehin schon tut. Ich war zumindest froh, mich für die deutsche Variante entschieden zu haben.

    Abgesehen davon, kann ich das Buch aber wirklich empfehlen. Ein großes Kapitel wird hier auch auserzählt, so das man am Ende nicht völlig ratlos oder gar frustiert zurückbleibt, weil die Geschichte mitten drin aufhört. Trotzdem ist Die Gnade der Götter eindeutig das Fundament einer neuen, großen Reihe. Es bleibt noch so viel offen und zu erzählen und zu entdecken, dass zumindest ich dann doch schon jetzt die Tage zähle, bis der zweite Band der erscheint

    PS Auf Englisch ist im The Captive’s War-Universum im Oktober 2024 eine Novelle Namens Livesuit erschienen. Es ist kein „richtiger“ Teil der Reihe, sondern eher ein Spin-Off bzw. Teil 1.5 und erzählt die Geschichte von High-Tech-Super-Soldaten im Kampf gegen die außerirdische, überwältigende Bedrohung.

  • BOOK_REVIEW: Phillip P. Peterson – Luna

    BOOK_REVIEW: Phillip P. Peterson – Luna

    Der Titel lässt es erahnen. In Luna ist für ein paar Astronaut:innen der Mond das Ziel der Reise. Doch diese Reise verläuft ziemlich plötzlich alles andere als geplant und am Ende dreht es sich in dem Buch vor allem um zwei Dinge: eine Rettungsmission und die Suche nach dem Grund für das Scheitern des Mondflugs. Das ist anfangs nicht nur gut, sondern großartig! Doch leider kann der Autor das Niveau des starken Beginns nicht halten.

    Von Beinn an fallen in Luna vor allem die vielen, gut recherchierte Details zum Thema Raumfahrt auf. Das wird zum Teil sogar richtig angenehm nerdig, zum Beispiel wenn Autor Phillip P. Peterson erwähnt, dass die Fassade des ESA Hauptquartiers in Paris neu gestaltet wurde. Auch die reale, quasi nicht enden wollende Bürokratie, die hinter der Weltraumerforschung steckt, wird durch das gesamte Buch hinweg und durch Job der Protagonistin bei der FAA, immer wieder sichtbar, ja sogar zu einem wichtigen Story-Strang. Ein weiterer, unüberschätzbarer Pluspunkt des Buches sind außerdem die Charaktere und deren nachvollziehbare Handlungen und Entwicklungen. Hier denkt man – zumindest im ersten Drittel der Geschichte – nicht, dass das hier auch ein Hollywood-Drehbuch statt einer gute Erzählung sein könnte. Und wo wir gerade von den Charakteren sprechen: wie selbstverständlich in Luna Frauen wichtige Rolle spielen, verdient leider immer noch Erwähnung.

    Der oder die ein oder andere mag jetzt denken: „Klingt gut! Gekauft!“ Doch leider muss ich hier ein wenig auf die Bremse treten. Denn fast all diese großen Stärken des ersten Buchdrittels verschwinden plötzlich, wie die Luft durch eine im Weltall geöffnete Raumschiffluke. Der Realismus, die Nachvollziehbarkeit der Charakterhandlungen, die Unaufgeregtheit der Geschichte kippt plötzlich in die typischen Buch- und Filmkonzepte, die der Unterhaltungsindustrie leider so oft zu Eigen sind. Denn plötzlich reicht es Peterson nicht mehr, dass ein auf dem Mond gestrandetes Raumschiff bzw. deren Besatzung gerettet werden muss. Stattdessen wird der Near-SciFi-Roman zu einer Art Agenten-Thriller, was gerade nach dem realistischen Anfang des Buches geradezu grotesk wirkt. Statt der Lösung eines technischen und bürokatischen Problems, rückt der Verdacht der Sabotage als Ursache der Fehlfunktion des Raumschiffs in den Fokus der Geschichte. Und von da an dreht sich viel zu viel um die Aufklärung dieses Sabotageakts statt um die technischen und menschlichen Herausforderungen einer Weltraumrettung. Da wird, obwohl enormer Zeitdruck herrscht, innerhalb weniger Tage die Welt bereist wie in jedem x-beliebigen Hollywood-Kinostreifen, um Hinweise auf den Saboteur zu finden. Selbst Treffen in dunklen Gassen, mit hochgeschlagenem Mantelkragen und Mord sind ab diesem Zeitpunkt Teil der Geschichte.

    Wer auf derlei Krimis und Thriller steht und dazu vielleicht noch einen Faible für Raumfahrt oder SciFi hat, wird mit Luna wahrscheinlich viel Spaß haben. Ich persönlich hatte nach dem ersten Drittel des Buches andere Erwartungen und bin am Ende dann doch ganz schön enttäuscht. Die Geschichte hätte dieses Abdriften in abstruse Plot-Twists nicht notwendig gehabt, wenn sich Autor und Verlag dazu entschieden hätten, vielleicht einfach nur eine dünneres Buch rauszubringen – oder schlicht mehr Mut gehabt hätten, eine Story ohne all die Mainstream-Zutaten herauszubringen.

    Nichts desto trotz hat Luna neben dieser eklatanten Schwächen, wie Eingangs erwähnt, auch viele Stärken. Die vielen Referenzen auf aktuelle Raumfahrentwicklungen (zum Beispiel auf SpaceX und den Weltraumtourismus für Reiche) oder auch auf die Raumfahrthistorie (die Teilnahme einer Lehrerin an der Luna-Mission, ähnlich wie 1986 Christa McAuliffe bei der Challenger-Katastrophe) sind viele kleine Liebeserklärungen an die Raumfahrt. Deswegen kann ich das Buch am Ende doch noch empfehlen, wenn man die Erwartungen anpasst und bereit ist, einige Abstriche zu machen.

  • BOOK_REVIEW: Martha Wells – All Systems Red

    BOOK_REVIEW: Martha Wells – All Systems Red

    All System Red ist der erste Teil einer Reihe (Murderbot) auf die ich nur dadurch gestoßen bin, dass ein anderer Mensch den neuesten Teil gekauft hat. Bis dato hatte ich noch nie vom Muderbot gehört und so weit ich das nach dem ersten Buch sagen kann: man, wäre das ein Verlust gewesen!

    Kurz zusammengefasst um was es geht: die Menschheit hat sich inzwischen so weit entwickelt, dass extrem fortschrittliche KI, augmentierte Menschen und die Besiedlung fremder Planeten zum Alltag gehören. Auch die Erforschung weit entfernter Welten via Wurmlochreise ist inzwischen möglich. Und hier kommen die Murderbots ins Spiel. Denn fremde Planeten können für diejenigen, die sie erforschen, jede Menge gefährliche Überraschungen bereithalten. Die Murderbots sorgen neben anderen Annehmlichkeiten, die ein voll vernetzter Robot so bereithält, dafür, dass die Menschen den neuen Planeten auch wieder in einem Stück verlassen können.

    Das klingt erstmal nicht besonders einfallsreich und komplex. Doch Autorin Martha Wells schafft es in All Systems Red quasi im Vorbeigehen so neugierig auf das Universum der Murderbot-Reihe zu machen, dass der zweite Teil gedanklich schon in meinem Einkaufswagen liegt. So gibt es verschiedene Planetenföderationen mit eigenen Normen und Gesetzen, die schon wegen ihrer Unterschiede ein gutes Fundament für weitere Erzählungen bieten. Aber auch gesellschaftliche bzw. wirtschaftliche Konstrukte wie die Companies, bei denen die unterschiedlichsten Fraktionen Equipment für Expeditionen zu fremden Planeten mieten können (zu denen nämlich auch die Murderbots gehören) und die sich auch im Spannungsfeld aus Politik, Wirtschaft und eigenen Kund:innen bewegen, sind etwas, das jede Menge Stoff für neue Geschichten bietet:


    „Their group was called PreservationAux and it had bought an option on this planet’s resources, and the survey trip was to see if it was worth bidding on a full share. Knowing about things on the planet that might eat them while they’re trying to do whatever it is they’re doing was kind of important. I don’t care much about who my clients are or what they’re trying to accomplish. I knew this group was from a freehold planet but I hadn’t borthered to look up the specifics. Freehold meant it had been terraformed and colonized but wasn’t affliated with any corporate confederations.“


    Das alles erwähnt Wells aber nur am Rande. Dass Menschen durch Wurmlöcher reisen können, ist nicht viel mehr als ein einzelner Satz. Und liebe Leute, ist das ein Wohltat! Hier wird nicht Kapitel und Kapitel rumgelabert, sondern hier wird eine Geschichte erzählt. Eine Geschichte, die davon handelt, wie sich ein selbstständig von Roboterregularien befreiter Bot in das Leben von Menschen einfügt und wie er sich dabei fühlt.

    Ja, richtig gelesen: fühlen. Denn wir bekommen sehr intime Einblicke in das Innenleben unseres Murderbots, weil Wells es aus seiner (Ich-)Perspektive geschrieben hat. Und wer nach den knapp 150 Seiten immer noch nicht zumindest die Möglichkeit in Betracht ziehen kann, dass Maschinen fühlen können – zumindest unser Murderbot hier -, sollte sich statt Romane ein Lexikon als zukünftige Unterhaltungslektüre kaufen, um was passendes für sein emotionales Empfindungslevel zur Hand zu haben. Wenn unser Murderbot sich am liebsten permanent in seiner Rüstung vor den Menschen verbergen und zur Entspannung oder Flucht aus unangenehmen Situationen auf interne Systeme umschalten will, um ein paar TV-Serien anzuschauen, hat das wirklich was menschliches. Und ja, der Murderbot hat sogar so etwas wie einen eigenen, trockenen Humor. Neben der gewählten Erzählperspektive sorgt all das dafür, dass wir uns als Leser:innen gut mit der … nunja, Maschine, identifizieren können.


    „It was stressful. I could feel the entertainment feed out there, the same one I could access from the unit processing zone, and it was hard not to sink into it.“


    Wer jetzt Sorge hat, das Buch könnte kitschig sein und Roboter vermenschlichen, sei hiermit beruhigt. Auch wenn sich im Murderbot hier und da so etwas wie ein Gefühl bemerkbar macht, ist es erstaunlich wie neutral und sachlich Wells eine komplette Geschichte aus einer Perspektive erzählen kann, ohne zu langweiligen. Nie hatte ich einen Immersionsbruch beim Lesen. Immer war ich voll drin, im Murderbot. Was er sagt, denkt und tut, ist durchweg nachvollziehbar. Das ist etwas, dass ich gar nicht hoch genug loben kann – und leider etwas, an dem viele andere Autor:innen scheitern.

    Ebenfalls sehr lobenswert und leider auch sehr selten, ist die hohe Produktionsqualität des Buches selbst. Ich beziehe mich hier auf die gebundene, englische Ausgabe von Tor Books (ISBN 9781250214713). Allein der leicht angeraute und in exzellenter Druckqualität hergestellte Schutzumschlag, verdient eine Erwähnung. Aber auch darunter gibt es etwas zu bestaunen. Denn dort leuchten uns auf dem Buchrücken, passend zum Titel in der Frabe metalic-rot, der Name der Autorin und der Buchtitel entgegen. Und auf dem Deckel gibt es eine leicht eingestanzte, relativ detaillierte Rakete, die bei manchen Lichtverhältnissen direkt ins Auge springt, bei anderen kaum sichtbar ist. Vor allem für den Preis von 15-20€ eine echt tolle Sache!

    FAZIT
    Wer Lust auf eine nachvollziehbares SciFi-Geschichte ohne Blabla und aus einer neuen Perspektive hat, findet mit All System Red quasi das perfekte Buch. Die Geschichte ist durchaus spannend und hat auch einen kleinen Twist. Die wahre Stärke liegt aber im schnörkellosen Charakter des Murderbots und darin, dass wir Leser:innen uns mühelos in ihn hineinversetzen können und irgendwie auch lieben lernen.