BOOK_REVIEW: Terra Perdita
Ich mag Debütromane. Die sind zwar oft noch etwas holprig, bergen aber immer wieder frische Ideen oder haben unverbrauchte Perspektiven. Leider trifft das auf Terra Perdita von Nick Palmer nicht so richtig zu. Trotzdem ist das Buch einen Blick wert, wenn man bereit ist, ein paar Abstriche zu machen.
Genauer gesagt: zwei Kröten muss man schlucken, um mit dem durchaus gelungenen Plot Spaß haben zu können. Die erste Kröte - und meinem Empfinden nach die dickste - ist die unklare Struktur der Geschichte. Vielleicht liegt es an mir (dann bitte Feedback!), aber ich habe mich in der Geschichte ständig sowohl zeitlich als auch örtlich verlaufen. Mit jedem Kapitel wirft uns der Autor ins kalte Wasser, weil er direkt in das szenische Erzählen einsteigt. Namen werden benutzt, als wären das alles längst wohl bekannte Figuren. Das gleiche gilt für Orte und Technologien. Das kann man als Stilmittel zwar verwenden, hier geschieht mir das aber deutlich zu oft. Und kaum habe ich mich in die Szene eingelesen, beginnt das Spiel mit einem neuen Kapitel von neuem. Da helfen auch nicht die Kapitelunterschriften, die mal den Ort, mal eine wirre Zeitangabe, mal beides (wie “Raumarche GENESIS EUROPA, RAZ 520, Schiffszyklus 27 VZ II”) und mal auch nichts davon beinhalten. Eine Struktur ist da für mich nicht zu erkennen. In Kombination mit dem direkten Szeneneinstieg habe ich mich die ganze Geschichte über nicht zurecht gefunden. Folglich war ich auch mehr damit beschäftigt mich zu orientieren, als den Plot genießen zu können.
Und das ist Schade, denn den finde ich durchaus gelungen. Ignorieren wir mal die ersten paar Seiten (dazu später mehr), hat mich allein der Prolog schon gepackt. Szenarien, die ein Ende der Welt beschreiben, sind immer eine gute Wahl. Vor allem wenn sie, wie in Terra Perdita, nicht mal das Hauptthema der Geschichte, sondern nur der Ausgangspunkt sind. Und wenn sie mal nicht so was lahmes wie einen Asteroiden-Einschlag behandelt, sondern etwas wissenschaftlich Interessanteres - sorry 2024 YR4.
Und ich will nicht zu viel vorwegnehmen, deshalb nur ganz vage: auch was Nick Palmer (übrigens ein Pseudonym, wie ich bei einem gebürtigen Mönchengladbacher annehme) nach dem Prolog mit dem Ziel und Gesellschaftsstruktur der Weltraum-Arche anstellt, hat mir gut gefallen. Da gibt es noch einige Fäden, von denen ich gespannt bin, wie sie im nächsten Teil von ihm weitergesponnen werden. Denn das Buch ist als “Terra-Reihe” geplant. Allerdings ist der Verlagswebsite recht eindeutig zu vernehmen, dass eine Fortführung der Reihe wohl von den Verkaufszahlen von Terra Perdita abhängt.
“„Terra Perdita“ ist sein erster SF-Roman, und – das entscheidet ihr, liebe Leser:innen, hoffentlich – nicht sein letzter.” - Piper Verlag
Bei einem zweiten Teil wäre ich wegen des Plots also durchaus dabei! Auch wenn Palmer das Rad an keiner Stelle neu erfindet, sorgen seine gut gestreuten Hinweise, die neugierig auf mehr machen, und sein eingängiger Schreibstil dafür, dass man trotz der Eingangs erwähnten Unübersichtlichkeit - die ich aber mehr dem Lektorat statt dem Debüt-Autoren anlaste - dran bleibt. Allerdings hoffe ich inständig, dass Palmer sich im zweiten Teil bei einer Sache etwas zurücknehmen kann, womit wir bei der zweiten Kröte wären.
Das Buch ist leider ein negatives Paradebeispiel für den “male gaze”, also “die Darstellung von Frauen aus einer männlichen, heterosexuellen Perspektive” (Wikipedia). Die Figuren, egal ob Mann oder Frau, sind zwar alle nicht die komplexesten, aber so ziemlich jede Frau, die in der Geschichte vorkommt, will früher oder später Sex mit einem (oder mehreren) Männern haben oder hat ihn auch. Es gibt keine kollegiale, freundschaftliche oder sonstige Beziehung, ohne dass nicht zumindest einzelne Gedanken dafür sorgen, dass klar ist: die Männer sind einfach so krass tolle Typen, dass Frauen gar nicht anders können, als mit ihnen schlafen zu wollen.
Ich hatte ja schon eine böse Vorahnung, als ich mit dem Buch anfing. Denn wenn es bereits auf Seite 2 heißt: “Sie hatte den Ex-Marine kurz nach ihrer Scheidung in einer Bar kennengelernt und ihn gegen den Rat ihrer besten Freundin mit nach Hause genommen, damit er ihr den Schmerz wegvögelte, den sie empfand, seit sie ihren Ex-Mann mit ihrer besten Freundin erwischt hatte. Es war so ein Klischee, aber es tat trotzdem weh. Und man sagte, Sex würde das nicht lindern, das ginge nicht. Sie musterte seinen muskulösen Rücken mit den Tätowierungen. ‘Und wie das geht’, dachte sie.”.
Nix gegen gut geschriebenen Sex in Büchern! Aber hier erfüllt weder die vulgäre Sprache noch der Sex irgendeinen Zweck in der Geschichte. Und dass sich später die Frauen mit lüsternen Blicken fast anbiedernd gedanklich oder tatsächlich um männliche Hälse werfen, erfüllt auch so gut wie nie einen Zweck. Es treibt weder die Geschichte voran, noch verleiht es den Charakteren irgendeine Tiefe - im Gegenteil. Auch hier hätte meiner Meinung nach das Lektorat ein bisschen mehr intervenieren dürfen.
Wen das aber nicht stört - oder es sogar gut findet-, der/die muss eigentlich nur mit der unübersichtlichen Struktur der Geschichte zurecht kommen, um ein durchaus unterhaltsames SciFi-Erstlingswerk genießen zu können, das gerade in Hinblick auf den Plot gute Ideen zu bieten hat.