BOOK_REVIEW: Wir haben keine Antimemetik-Abteilung
Begonnen als Nerd-Projekt und als Print im Selbstverlag veröffentlicht, betritt die Geschichte rund um eine geheime Organisation und ihre Antimemetik-Abteilung mit voller Penguin-Random-House-Power nun die große Bühne. Für das Sci-Fi-Genre ist das eine Bereicherung!
Denn so gerne wir doch alle über Raumschiffe, fremde Planeten und Aliens lesen, wer öfter mal Sci-Fi-Bücher in die Hand nimmt, wird schnell auf ähnliche Geschichten stoßen. Wenn sich also die Gefahr von Überdruss und Langeweile einschleichen sollte, dem sei Wir haben keine Antimemetik-Abteilung ausdrücklich als Heilmittel empfohlen.
Kurz zum Hintergrund: Autor Sam Hughes hat bereits vor circa zehn Jahren begonnen, die Geschichte zu schreiben. Stück für Stück veröffentlichte er sie auf dem Wiki der SCP Foundation. Die SCP Foundation ist eine fiktive Organisation, die sich um die Kontrolle über verschiedenste Merkwürdigkeiten in unserer Realität wie paranormale Phänomene oder ungewöhnliche Lebewesen bemüht, um der restlichen Menschheit ein normales Leben zu ermöglichen. Innerhalb dieses fiktiven Rahmens veröffentlichen Autorinnen und Autoren verschiedene Geschichten. Und einer dieser Autoren ist eben Sam Hughes, der unter dem Pseudonym „qntm“ (sprich: Quantum) bereits 2008 eine erste Idee von dem veröffentlichte, was später Wir haben keine Antimemetik-Abteilung werden sollte.
Vor den nun bei den großen Publikumsverlagen von Penguin Random House erschienenen Büchern hat Sam Hughes seine SCP-Geschichte bereits im Eigenverlag veröffentlicht. Diese als V1 bezeichnete Version hat mit den Profis von Penguin Random House nochmals eine Runderneuerung erfahren. Ein Blick auf diese nun veröffentlichte Version 2 (V2) dürfte sich für Hardcore-Fans, die bereits die SCP-Version und/oder V1 kennen, also eventuell lohnen. Laut Autor ist „das Rückgrat der Geschichte […] im Wesentlichen dasselbe geblieben, aber nahezu jeder Satz im Buch wurde ein wenig angepasst. Die Struktur ist deutlich weniger nichtlinear, und der dritte Akt wurde ziemlich umfangreich überarbeitet.“ Und während sich die vorherigen Ausgaben durch die SCP-Struktur fast eher wie eine Anthologie lesen würden, wirkt die Penguin-Random-House-Version mehr wie eine Geschichte, die sich anfühlt wie aus einem Guss.
Doch genug zu den Hintergründen und hin zu der Frage, worum es in Wir haben keine Antimemetik-Abteilung überhaupt geht.
Marie Quinn arbeitet für eine Organisation, die unbekannte, paranormale Objekte und Subjektive beobachtet, kontrolliert oder auch bekämpft. Die große Schwierigkeit dabei: Einige dieser Unbekannten haben antimemetische Eigenschaften, was bedeutet, dass jeder, der mit ihnen in Berührung kommt, sich – in unterschiedlichen Ausprägungen – nicht mehr daran erinnern kann. Doch wie kann man mit solchen antimemetischen Unbekannten arbeiten oder sie gar bekämpfen? Genau das ist die Aufgabe der Antimemetik-Abteilung der Organisation, und als Leiterin der Abteilung kommen im Laufe der Geschichte Aufgaben auf Quinn zu, die sich nur schwer mit einem konventionell denkenden Gehirn verarbeiten lassen.
Und so kryptisch wie das klingt, ist auch die Geschichte. Sam Hughes und der Verlag geben sich alle Mühe, so eine abgedrehte Idee doch auch für den Leser irgendwie greifbar und verständlich zu machen, und oft gelingt ihnen das auch. Doch leider nicht immer. Zu viel in diesem Universum spielt auf Metaebenen und so weit weg von unserer Realität, dass es hin und wieder schwerfällt, der Geschichte zu folgen. Das ist sicherlich auch ihrer Herkunft aus der SCP-Wikipedia geschuldet, die eben ein Sammelsurium von Geschichtsfragmenten ist. Einerseits weiß ich diese Andersartigkeit sehr zu schätzen, weil, wie eingangs erwähnt, frischer Wind im Genre einfach wohltuend ist. Andererseits birgt diese Andersartigkeit immer auch die Gefahr von Beliebigkeit, der Wir haben keine Antimemetik-Abteilung leider nicht ganz entkommen kann.
Nichtsdestotrotz überwiegen die positiven Aspekte bei Weitem. Da wäre zum Beispiel die Dringlichkeit der Geschichte. Hier geht es nicht darum, einen einzelnen Mörder zu überführen oder gar einen Krieg zu gewinnen, sondern um das Überleben der Menschheit in Vergangenheit und Zukunft. Und quasi im Vorbeigehen werden so Fragen aufgeworfen wie: Was macht den Menschen als Individuum oder die Menschheit als Kollektiv überhaupt aus? Das alles geschieht zwar in einem Tempo, in dem es schwerfällt, sich der Beantwortung dieser Fragen auch nur zu nähern, aber da es selbst vielen Philosophen in tausenden Jahren Menschheitsgeschichte noch nicht abschließend gelungen ist, sei dem Buch das natürlich verziehen.
Auch die Charaktere sind spannend, wenn in ihrer Anzahl auch recht überschaubar. Der Fokus liegt auf Marie Quinn und einer weiteren, relativ detailliert ausgearbeiteten Figur. Alle weiteren Figuren sind Beiwerk der Geschichte, und das ist auch gut so. Sie sind genauso gestaltet, wie es für das Vorankommen von Quinn und der Geschichte notwendig ist. Hughes verliert sich nicht in Details, schafft es aber trotzdem, jeder Figur ein eigenes Gesicht zu geben.

Außerdem mag ich, dass auch die Form des Buches dem Thema gerecht wird. Bereits in der SCP-Story hat Hughes Details zu verschiedenen Unbekannten als Akten integriert, wie man sie sich eben vorstellt: Objektnummern, Beschreibungen etc. Besonders toll daran: Wenn es thematisch passt, sind gewisse Stellen in den Akten „geschwärzt“. Und zwar nicht, weil da jemand Angst vor Geheimnisverrat hat und den Zensurstift zückt, sondern weil die Unbekannten eben antimemetisch arbeiten und so einfach gewisse Lücken im Gedächtnis beim Lesen entstehen. Das heißt: Auch wenn das Wort noch in der Akte steht, kann das Gehirn es in diesem Moment einfach nicht aufnehmen und verarbeiten. Das ist ein kleines Detail, aber es ist großartig!
Und mehr braucht es dann auch einfach nicht, um eine gute Geschichte zu erzählen: eine unkonventionelle Idee, einen spannenden Plot und passende Charaktere – und schließlich natürlich das Talent, diese drei Sachen zu verbinden. Das ist Sam Hughes hier in großen Teilen gelungen und definitiv einen Blick wert – und wegen der Komplexität und Andersartigkeit der Geschichte wahrscheinlich sogar mehr als einen.