Dieses mal dehnen wir unsere Genre-Grenze ein bisschen. Denn Daemon ist weniger klassische Sci-Fi, als vielmehr Near-Future-Tech-Thriller. Aber diese Geschichte steckt so voller abgedrehter Technik, dass die Worte Science und Fiction doch ihre Berechtigung haben.

Um was es geht, ist schnell erklärt. Ein stinkreiches Tech-Genie Namens Matthew Sobol stirbt und hinterlässt der Nachwelt ein ausgeklügeltes Computer-Programm, das sich anschickt, die Welt zu beherrschen. Das ist ohne menschliche Helfer auch in einer immer vernetzteren Welt schwierig. Da das auch Sobol bewusst war, rekrutiert sein auf den Namen “Daemon” getauftes Programm auch gleich jeder Menge Menschen, was darin endet, dass am Ende die Seite des Daemon gegen die US-Regierung kämpft und die Zivilbevölkerung irgendwo dazwischen steht, für den Text aber ohnehin komplett irrelevant ist.

Aus dieser Kurzbeschreibung wird vielleicht schon ersichtlich, dass der Autor Daniel Suarez in seiner Geschichte jede Menge Fässer aufmacht. Wie sinnvoll ist eine komplett vernetzte Welt? Wie wichtig/schädlich ist der Kapitalismus? Was sind Menschen bereit zu tun, wenn man sie unter Druck setzt oder die richtigen Versprechungen macht? All das ist eine schöne Meta-Ebene, die permanent in der Geschichte mitschwingt. Schade nur, dass das so wenig subtil passiert. Wenn die Regierung irgendwann entscheiden muss, ob man den “Daemon”, der bis dahin schon zig Menschenleben auf dem Gewissen hat, nicht einfach den Stecker zieht (Welt = offline), dass aber wegen der so wichtigen Wirtschaftsunternehmen nicht machen möchte, ist das zwar positiv zu wertende Kapitalismuskritik, gleichzeitig aber auch eine mit dem Holzhammer.

Subtile Töne sind aber ohnehin nicht Suarez’ Stärke. Die Dialoge und das Storytelling sind sehr straight forward. Hier wird wenig der Fantasie überlassen. Die Story macht ihre Meter auch entsprechend weniger durch ausgefeilte Charakterentwicklung oder überraschende Twists, als vielmehr damit, dass hier immer was passiert. Zwar wird in den ersten paar Kapiteln des Buches vom Protagonisten Detective Sebeck noch recht gemächlich in ein, zwei einzelne Mordfällen ermittelt, was durchaus stimmungsvoll inszeniert ist und durch die ungewöhnliche Art der Morde neugierig macht, doch ab einen gewissen Punkt der Geschichte zieht das Tempo derart an, dass man sich Fragen muss, ob sich ab diesem Zeitpunkt irgendwas am Gemütszustand des Autors verändert hat.

Auf wirkliche Spoiler werde ich verzichten, aber als Hinweis: irgendwann umstellt die Polizei das Anwesen von Matthew Sobol und für mich verwandelt sich das Buch ab diesem Zeitpunkt von einem interessanten Tech-Thriller zu einem absurd aufgedrehten Action-Film in Buchform. Ab hier wird immer noch eins draufgesetzt. Ein vom Daemon gesteuerter Killer-SUV wird ein halbes Buch später zu einer Armee aus Killer-SUV. Später kommen auch noch Motorräder mit ausfahrbaren Klingen hinzu, die autonom Jagd auf Menschen machen. Und ein Militär-General, der aus einem Helikopter auf wichtige Figuren ballert, darf natürlich auch nicht fehlen. Wer derlei Action a la James Bond mag, kommt in Daemon also auf seine Kosten. Meinen Geschmack trifft das leider nicht,

Gut gefallen hat mir hingegen, dass Suarez all die Möglichkeiten, die der “Daemon” in der Welt hat, auf ein realistisches technisches Fundament zu stellen. Da merkt man, dass der Autor ursprünglich aus der IT-Branche kommt. Als relativ Technik-affiner Mensch, kam ich mit Erklärungen zu irgendwelchen TCP-Netzwerkprotokollen ganz gut zurecht (ohne wirklich alles verstanden zu haben). Wer allerdings gar nichts damit anfangen kann, dürfte sich bei manchen Passagen in Daemon schwer tun.

Ähnliches gilt für den Gaming-Aspekt in der Geschichte. Bösewicht Sobol hat sein Vermögen nämlich mit Computerspielen verdient, die auch für die Story nicht ganz unwichtig sind. Als passionierter Gamer hat mir das gut gefallen. Man merkt, dass Suarez entweder gut recherchiert oder aber selbst schon einmal das ein oder andere Online-Rollenspiel von innen gesehen hat. Wer nie selbst gespielt hat, dem werden gewisse Anspielungen oder das Feeling, das in den Spiel-Passagen aufkommt, entgehen. Das ist kein Beinbruch, aber nimmt dem Buch etwas Würze.

Am Ende kann man also festhalten: sicher gefallen wird Daemon allen, die sich gerne mit Technik und Games beschäftigen, Thriller mögen und einen Hang zu zum Teil alberner Action haben. Insbesondere Letzterer sollte vorhanden sein, um mit der Geschichte wirklich Spaß haben zu können. Die zieht sich insgesamt über stolze 638 Seiten und ist - ganz wichtig - auch nicht abgeschlossen. Der zweite Teil, Darknet, beginnt dort, wo Daemon aufgehört hat, nur dass hier tatsächlich nochmal eine Schippe draufgelegt wird. Ich habe nur die Leseprobe gelesen und die beginnt damit, dass ein im Panik-Raum verschanzter Mann von mehreren mit Klingen ausgestatteten, autonomen Motorrädern (ihr kennt die ja jetzt) verfolgt wird. Anders als in Teil 1, wo diese Maschinen die Menschen mehr oder weniger klassisch verfolgen, können die Motorräder hier sogar versteckte Panikräume orten, Türen mit Plasmaschneidern auftrennen und kommunizieren.

Also nee, Danke. Da bin ich raus.