BOOK_REVIEW: Ihr Körper, das Schiff
Das neue Jahr startet so, wie das alte aufgehört hat: mit einem Buch. Ihr Körper, das Schiff ist eine Sammlung von auf Deutsch übersetzten Kurzgeschichten. Denn davon gibt es immer noch viel zu wenig, erst recht von den großen Publikumsverlagen. Denn selbst wenn diese noch Sci-Fi im Programm haben sollten, muss da in der Regel leider immer noch ein großer Name wie Cixin Liu drauf stehen, bevor die Programmleitung Kurzgeschichten in den Druck gibt.
Aber auch diese Lücken werden hin und wieder gefüllt. Im Falle von Ihr Körper, das Schiff macht das A7L-Books. Dabei handelt es sich um einen recht jungen Verlag mit offiziellen Sitz in Irland (hm …), der von Benjamin Krämer (Pseudonym: Joshua Tree) und Matthias Matting (Pseudonym: Brandon Q. Morris) gegründet wurde. Der Schwerpunkt des Verlages ist neben, natürlich, der Science-Fiction vor allem, Bücher vom deutschsprachigen Buchmarkt in den englischsprachigen zu bringen - und umgekehrt. Letzteres ist auch bei Ihr Körper, das Schiff der Fall.
Und so erreichen uns dann auch hierzulande Geschichten von Autoren, die kaum jemand kennt, was ich persönlich ja immer wahnsinnig spannend finde. Genauer gesagt erreichen uns 15 Kurzgeschichten verschiedenster Art, so dass für jede:n etwas dabei sein sollte. Was im Umkehrschluss natürlich bedeutet, dass man mit eingen der Geschichten wahrscheinlich auch mal weniger warm wird.
So erging es mir zum Beispiel mit der Titelgebenen Kurzgeschichte “Ihr Körper, das Schiff”. Ein Generationen-Raumschiff steht kurz davor, am Ziel anzukommen, was der Protagonistin aber gar nicht gefällt, hat sie sich als Mechanikerin doch Zeit ihres Lebens mit dem Schiff so verbunden gefühlt, dass sie es als Teil von sich selbst sieht. Und diesen Teil nun aufgeben und das Schiff verlassen zu müssen, stellt sie vor eine Sinnkrise ungeheuren Ausmaßes, was zu ziemlich radikalen Entscheidungen führt.
Und wenn ich das so schreibe denke ich mir, dass das doch eigentlich nach einer ziemlich guten Geschichte klingt. Doch leider verrennt sich die Autorin Z. K. Abraham auf der kurzen Strecke einer Short-Story zu oft. Gut gelungen und besonders ist die Aufteilung des Schiffes in stammesartige Gruppierungen. Derlei liest man gerade in der Sci-Fi eigentlich nie. Der Schreibstil verwirrt jedoch etwas, ist sprunghaft und wenig klar. Interaktionen der Protagonistin mit anderen Menschen sind ebenfalls etwas wirr und erfüllen keinen wirklichen Zweck. Dann gibt es noch eine ominöse Widerstandsgruppe gegen was auch immer, die aber auch im Nebel bleibt. Und eine Party aus dem Nichts gibt es auch. Und obwohl es sich hier mit circa 16 Seiten schon um eine der längeren Geschichten handelt, ist all das einfach zu viel für diesen Textrahmen und bleibt deshalb viel zu oft zusammenhangslos.
Das Gegenteil davon ist die Kurzgeschichte “Frank Peterson kommt nach Hause” von Michael Teasdale. Aus sagenhaften sieben Seiten erzählt der Engländer die Geschichte eines Art Klons, der die Daten des alten Lebens aus der Cloud eingespeist bekommt und dabei auf gewisse Ungereimtheiten stößt. Das Besondere an dieser Short-Story ist nicht unbedingt die Technologie des Klonens via Cloud, sondern Fragen zur Identität und der Umgang des Protagonisten (besagter Frank Peterson) mit dem Inhalt der Cloud-Daten, die er von seinem Vorgänger (ebenfalls Frank Peterson) geerbt hat. Das ist großartig und herzerwärmend! Deshalb empfehle ich dringend, Michael Teasdale im Auge zu behalten - sein BlueSky-Account hilft dabei bestimmt: @mteasdalewriter.bsky.social. Ich bin jedenfalls gespannt, was von ihm noch so kommt.
Man sieht, die Bandbreite an Inhalt, Länge und Qualität schwankt - so wie sich das für eine gute Kurzgeschichtensammlung ja auch irgendwie gehört. Und natürlich spielt der eigene Geschmack, wie so oft, eine große Rolle dabei, wieviele der 15 Kurzgeschichten einem gefallen und wie viele nicht. Für mich persönliche waren leider zu viele dabei, die mir keinen Spaß gemacht haben. Sei es wegen eines schlechten Schreibstils, konfuser Story oder auch schlechter Lesbarkeit. Letzteres kommt in Ihr Körper, das Schiff besonders häufig vor, weil in vielen Geschichten Neopronomen (als geschlechtsneutrale Pronomen) verwendet werden: für Roboter, für Figuren, aber auch für Babys. Und wenn in jedem zweiten, dritten Satz ein dey/deren/denen benutzt wird, tut das meinem Lesevergnügen großen Abbruch. Das mag Gewohnheit sein und wer diese Wörter lesen kann wie etablierte Pronomen, hat damit keinesfalls ein Problem. Aber ich bin es eben nicht gewohnt und das hat dazu geführt, dass ich einige Geschichten fast abgebrochen hätte.
Was ich aber jeder einzelnen Geschichte zugutehalten möchte, sind die tollen Prämissen und Grundideen der Geschichten. Die sind mal mehr, mal weniger innovativ, aber Spaß gemacht haben sie immer. Und das allein ist es schon wert, sich diesen Band ins Regal zu stellen oder - für knappe 10€ - auf den eReader zu laden!